Ein Theaterprojekt zum Erinnern, Erleben und Teilhaben

Das Theater Reutlingen Die Tonne hat in den vergangenen Monaten eine künstlerische Inszenierung zur Historie der Tötungsanstalt Grafeneck und den dort im Jahr 1940 geschehenen Krankenmorden vorbereitet. Am 29. Juli 2020 stellten die Verantwortlichen vom Theaterprojekt «Hierbleiben … Spuren nach Grafeneck» während einer Pressekonferenz im Panoramasaal des Samariterstifts in Grafeneck das im Herbst startende Projekt vor. Die Uraufführung findet am 17.09.2020 in Mosbach (Baden) statt.

Thomas Lambeck, Vorsitzender des Theatervereins, Enrico Urbanek, Intendant des Theaters, und Santiago Österle, Darsteller vom inklusiven Ensemble des Theaters, nutzen die Gelegenheit zur inhaltlichen Darstellung des Vorhabens und machten auf die finanzielle Unterstützung durch die Förderprogramme LEADER und TRAFO sowie die Daimler Truck AG und den Landkreis Reutlingen aufmerksam.

Das vom inklusiven Ensemble des Theaters erarbeitete interaktive Projekt wird in Form eines mobilen Straßentheaters umgesetzt. Ziel ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit der durch die Nazis organisierten Ermordung zehntausender Menschen mit Behinderungen, wie sie 1940 in Grafeneck praktiziert wurde. Das inklusive Ensemble vom Theater Tonne fährt insgesamt 25 Orte in Baden-Württemberg an, die einen Bezug zu dieser Historie haben. Dort werden gemeinsam mit lokalen Akteuren und Institutionen schauspielerische Aktionen um-gesetzt. Das Schauspiel wird dabei mit Choreografie, Musik, bildender Kunst, Medienkunst, Interaktion und dokumentarischen Elementen verbunden. Über direkte Begegnungen mit den geistig und körperlich behinderten Darstellern wird die Frage gestellt, wie die heutige Gesellschaft mit Diversität umgeht bzw. damit umgehen sollte. Dabei geht es um den Umgang mit Behinderungen und Spielarten menschlicher Individualität, Diversität und Akzeptanz.

Enrico Urbanek betonte, dass „das Thema Inklusion heutzutage immer noch nicht selbstverständlich ist und die Projektumsetzung dabei helfen kann, unsere Gesellschaft dafür zu sensibilisieren und Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen“. Die beteiligten Künstler laden daher ganz herzlich dazu ein, die Inszenierungen mitzuerleben und daran teilzuhaben – beispielsweise bei der Uraufführung am 17.09.2020 in Mosbach (Baden) ab 11 Uhr auf dem Marktplatz.

Weitere Informationen zu den Aufführungen und Spielorten finden Sie hier LINK

Landrat Thomas Reumann, Vorsitzender der LEADER-Aktionsgruppe Mittlere Alb, dankte allen Schauspielern und engagierten Projektbeteiligten, die zum Gelingen dieses großartigen Projekts beigetragen haben und es umsetzen werden. „In den Köpfen der Menschen müssen Barrieren zuallererst fallen – nur so kann eine Kultur des inklusiven Denkens und Handelns geschaffen werden.“ Er betonte die Bedeutsamkeit des Projekts, weswegen es gemeinschaftlich von 11 Aktionsgruppen des europäischen Förderprogramms LEADER aus ganz Baden-Württemberg sowie über die „Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“ im Rahmen von „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, gefördert wird. Zudem erhält das Projekt eine finanzielle Unterstützung vom Landkreis Reutlingen.

"Wichtig für die Vergangenheitsbewältigung"

Im Dezember vergangenen Jahres wurde in der Auswahlausschusssitzung der LEADER-Aktionsgruppe Oberschwaben positiv über dieses besondere Projekt beschlossen. Der Vorsitzende Alois Henne, bezeichnete das Vorhaben als „mutigen und notwendigen Schritt in Bezug auf die Vergangenheitsbewältigung unserer Geschichte.“

Die LAG freut sich, dass dieses Thema einen Weg in die Öffentlichkeit findet und die Unterstützung von 11 LEADER-Aktionsgruppen, der "Lernenden Kulturregion Schwäbische Alb" und Trafo erfahren darf.

Die exakten Tourdaten für die Veranstaltungen können auf der Seite des Projektes (https://spuren-nach-grafeneck.de/tourplan/) und auf der Seite der LEADER-Aktionsgruppe (http://www.leader-oberschwaben.de/neuigkeiten/termine.html) abgerufen werden. Bisher sind nur die Veranstaltungen, die für dieses Jahr geplant sind bekannt.

In 2021 werden folgende Orte bzw. Teilorte bespielt:
Gammertingen-Mariaberg, Zwiefalten, Sigmaringen, Schemmerhofen-Ingerkingen, Meckenbeuren-Liebenau, Bad Schussenried, Maselheim-Heggbach, Rottweil, Ravensburg-Weißenau, Bodnegg-Rosenharz, Tettnang-Pfingstweid, Raststatt, Sinsheim, Wiesloch, Krautheim (Hohenlohe), Weinheim, Gengenbach-Fußbach

Sobald die genauen Daten bekannt sind werden wir diese auch auf unserer Homepage ergänzen.

Portrait von Theodor Kynast (Charkow 1904 – Grafeneck 1940): Bildarchiv Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum Design: schöpfungsfragen.de

Grafeneck - Morität

Auf dieses tief berührende Gedicht, verfasst von Karen Schultze, möchten wir sehr gerne Aufmerksam machen. Es ist, neben vielen weiteren wertvollen Informationen auch auf der Homepage des Projektes zu finden LINK

Liebe Leute lasst euch sagen,

was sich hier mal zugetragen!

Geschichte dicht in bunten Bildern

Wollen wir euch bewegend schildern!

Damit man niemals mehr vergisst

Was damals hier geschehen ist!

 

Gar nicht neu war der Gedanke

Behinderte und schwer Kranke

von der Qual schnell zu befreien

weil nur tot sie glücklich seien!

Erstmals in ganz großem Stile

Gab´s Erlösung für ganz viele:

 

Lasst uns schau´n nach neunzehn vierzig

Keiner wusst´ mehr was gehört sich:

Die Nazis war ´n da an der Macht

Haben Menschen einfach umgebracht.

Sie nannten das ´nen „schönen Tod“,

der segensreich erlöst aus Not.

 

Hattest du eine Behinderung

War das für die ein Tötungsgrund!

Wer diesem Staat nichts brachte ein

Sollt´ sich auch nicht des Lebens freun.

Wer Nazis nicht passt´ ins System,

der sollte schnell für immer gehn.

 

Die Menschen wurden aussortiert

Und dann nach Plan abtransportiert.

Auch hier genau aus diesem Ort

Holten sie viele Menschen fort.

Dabei war ´n die wie ich und du.

Und viele sah ´n nur schweigend zu.

 

In Bussen holten sie sie weg

und brachten sie nach Grafeneck.

Dort war schon alles präpariert

Zum Duschen hat man sie geführt.

Doch wurden sie ins Gas geschickt

und sind dran allesamt erstickt.

 

Frauen, Kinder und auch Männer

Durften nicht mehr leben länger

einzig aus dem simplen Grund,

dass sie nicht waren ganz gesund!

Oder auch einfach anders warn,

nicht ganz perfekt nach Nazis Plan.

 

Nach und nach aus vielen Orten

holten sie sie zum Ermorden.

Bis nach nur einem kurzen Jahr

Kaum noch wer zu holen war.

Zehntausend Menschen hab´n sie so

Dem Leben entrissen ganz roh.

 

Viel Leid gebracht den Verwandten

Die sie doch liebten und kannten.

Hab´n Familien betrogen

Über die Todesursach belogen,

Die sie sich extra ausgedacht,

damit niemand ihnen Ärger macht.

 

Auf dass sowas nie mehr geschieht

Ziehen wir hier durch´s ganze Gebiet,

machen Theater mit viel Freude,

schauen auf gestern für das Heute!

Weil ein jeder nur will leben

Wie´s ihm eben ist gegeben.

Weitere Informationen über Hintergründe, Spielplan usw. finden Sie auf der Homepage zum Projekt hier LINK